Leseprobe Pendel/ Aufbruch
1 Das Pendel
Eine unerklärliche Hitze schoss durch meinen Arm bis in die Brust und meine rechte Hand begann zu zucken und zu vibrieren. Meine Aufmerksamkeit war sofort beherrscht von diesem goldfarbenen, für seine Größe erstaunlich schweren Ding, seinen schwungvollen Bewegungen und dem besonderen Glanz seiner polierten Oberfläche, auf der mein Spiegelbild rhythmisch auftauchte, sich verzerrte und wieder verschwand. ...
Eine seltsame Kraft ging von dem Pendel aus, als sei es lebendig und habe einen eigenen Willen. … Da begann das Pendel erneut zu schwingen, in kleinen Kreisen zunächst, die allmählich größer wurden. Der Zug an der Kette wurde immer heftiger und schließlich so stark, dass ich befürchtete, das Pendel könne jeden Moment meinen Fingern entgleiten oder gar die dünne Kette zerreißen. Dabei entstand ein seltsames Geräusch, ein Surren oder Summen, und es schien, als erzeugten diese Schwingungen eine Art von Energie oder elektrischer Ladung, die bald den ganzen Raum erfüllte. Es kam mir vor wie ein Spuk, wie ein böser Zauber, wie etwas, das ganz ohne mein Zutun oder andere erklärbare Gründe geschah. …
Schließlich war ich Naturwissenschaftler und von einem überzeugt: Dort, wo viele Menschen Paranormales vermuten, wird früher oder später das Wirken physikalischer oder allenfalls psychologischer Gesetze erkennbar – und allzu oft auch Schwindel oder Selbstbetrug. Sollte ich selbst wider alle Vernunft dieser Verführung aufgesessen sein?
2 Bertrand
... Ich schwieg. Er schaute mir mit durchdringendem Blick tief in die Augen. Und dann geschah etwas Eigenartiges. Ich fiel in einen traumartigen Zustand und sah wie im Zeitraffer ganze Schöpfungszyklen, die sich in meinem Geiste drehten, und unzählige Lebewesen entstehen und vergehen. Ich war wie trunken und ganz in mich selbst versunken. Wie aus weiter Ferne hörte ich Bertrands Stimme: »Der Mensch ist Gott ähnlich, weil er in die Schöpfung eingreifen kann.
Doch gleichzeitig ist er in sie eingebunden. Die eigene Natur und die eigene Entwicklung setzen ihm Grenzen. Aber je mehr sein Geist wächst, je tiefer seine Erkenntnis und je stärker sein Wille, desto größer wird auch seine Macht. Er lernt, die Kräfte der Natur zu kontrollieren und zu nutzen und kann sich schließlich sogar über ihre Gesetze erheben, selbst über die Schwerkraft oder über den Tod. Doch niemals über das Gesetz der Liebe. Sie ist die größte Kraft im Universum und bricht alle Magie. Auch uns hat sie zusammengeführt, damit du bekommst, was dir vorbestimmt ist. Es wird dein Leben aus dem Verborgenen lenken, bis der wahre Kern aus dem Schattenreich ans Licht tritt!«
Nur dumpf nahm ich wahr, dass er mir einen Gegenstand in die Hand drückte und meine Finger darüber schloss. Noch immer drehten sich Bilder und Farben in mir wie in einem Kaleidoskop. Ich stand noch eine ganze Weile in meine Gedanken und Empfindungen versunken da. Als ich meinen Blick wieder erhob und mich umschaute, stand ich allein im Wald. Bertrand war spurlos verschwunden.
5 Zarathustras Vermächtnis
... Es war nicht gerade hell. Eine einzige Deckenlampe warf ihr spärliches Licht auf die wenigen Quadratmeter Ladenfläche. Doch auf diesem engen Raum türmten sich Hunderte, nein, Tausende von Büchern, Heften und Blättern auf Gestellen, Tischchen, Stühlen oder auf dem Boden. Viele waren kreuz und quer übereinander gestapelt und es schien fast unmöglich, sich in diesem Chaos zurechtzufinden. »Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte plötzlich eine hohe Männerstimme direkt hinter mir.
Ich erschrak so sehr, dass mir das Buch, dessen glatten dunkelroten Ledereinband ich gerade bewundert hatte, beinahe aus der Hand gefallen wäre. »Verzeihung! Ich habe Sie gar nicht kommen hören.« Vor mir stand ein kleiner rundlicher Mann mit Glatze und einem langen grauen Bart. Unter buschigen Augenbrauen und über die Ränder einer kleinen runden Brille hinweg blickte mich ein listiges Augenpaar prüfend an …
»Was suchen Sie in meinem Laden? Sie scheinen mir weder Orientalist noch Kunstsammler zu sein.«
»Nein, leider nicht«, antwortete ich ein wenig eingeschüchtert. »Deshalb bin ich hierher gekommen.« Ich zog das Pendel aus der Tasche und reichte es ihm. Er nahm es in die Hand und rückte seine Brille auf der Nase zurecht. Dann bewegte er seinen Kopf mit einem plötzlichen Ruck nach hinten, als traue er seinen Augen nicht, streckte die Hand, die das Pendel hielt, etwas weiter von sich weg und prüfte es mit ungläubigem, aber scharfem Blick aus größerer Distanz. Er schüttelte den Kopf und betrachtete es wieder aus der Nähe. …
»Woher haben Sie das?«, fragte er mich misstrauisch, als hätte ich das Pendel gestohlen.
»Das habe ich kürzlich geschenkt bekommen ... Ich möchte herausfinden, was es mit diesem Pendel auf sich hat, woher es stammt und was hier geschrieben steht!« Ich zeigte auf die Inschrift.
»Haben Sie, seit Sie dieses Pendel besitzen, ungewöhnliche Erlebnisse gehabt?«
»Das kann man wohl sagen«, platzte ich heraus, überrascht und gleichzeitig erleichtert darüber, dass dieser Mann offenbar über das Pendel Bescheid wusste. »In den letzten paar Tagen hatte ich mehr verrückte Erlebnisse als in meinem ganzen Leben!«
»Ihr Leben wird noch viel mehr in Gefahr und außer Kontrolle geraten, solange Sie im Besitz dieses Pendels sind. Es gehört nicht in die Hände von Uneingeweihten!«
»Ich möchte erst einmal wissen, was die Inschrift auf dem Pendel bedeutet.«
Er nahm das Pendel an der Spitze zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger, drehte es um die eigene Achse und sprach dann mit geschlossenen Augen, als kenne er den Text auswendig: »Angra Mainyu hat die Macht über Spenta Mainyu ergriffen, das Licht in die Finsternis verbannt!« …
Er hielt das Pendel an seiner Kette hoch und betrachtete es noch einmal. Seine Augen funkelten voller Bewunderung – oder voller Begehren? Dann fiel er in einen tranceähnlichen Zustand. Er starrte mit glasigem Blick auf das Pendel, das kaum sichtbar zu kreisen begann …
Wenige Stunden später saß ich im Flugzeug. Erst jetzt realisierte ich, wohin ich flog: nach Brasilien.
7 Der Pai de Santo
In Gedanken versunken ging ich hinter Roberto und Alina her, bis wir am Dorfausgang zu einem Haus kamen, das von Erwachsenen und Kindern jeden Alters belagert war. Sie schauten durch den Spalt zwischen dem etwas höher abgestützten Dach und den knapp schulterhohen Außenmauern ins Innere des Terreiros, des Kulthauses, wo der Candomblé bereits in vollem Gange war. Wilde Trommelklänge, Gesänge und Rufe hallten bis in die Palmenhaine, von denen das Dorf umgeben war. Wir drängten uns ebenfalls an die Mauer und schauten ins Innere des Hauses. Frauen in weiten, luftigen Kleidern – hellgelb, hellblau, rot oder weiß – und ebenso bunten, turbanähnlichen Kopftüchern waren offenbar in Trance und drehten sich mit nackten Füßen auf dem Sandboden im Kreis. Dabei sangen sie oder stießen schrill kreischende Töne und Triller aus, während im Hintergrund drei Männer auf großen Congas herumwirbelten ...
Ein Mann mit schwarzem Hut, blauem Hemd und einem großen Blumenkranz um den Hals tanzte mit ausladenden Gesten inmitten der kreisenden Frauen und sang irgendwelche Gebete oder Beschwörungen, die ich nicht verstand.
»Das ist der Pai de Santo«, sagte Roberto, »der Zeremonienmeister, Vater der Orixás! Wir nennen ihn ›Pai de Santo‹, Vater des Heiligen. Der Pai de Santo dieses Terreiros ist ein sehr interessanter Mann. Er wird als Heiler, Magier und Kultmeister gleichermaßen geschätzt und gefürchtet. In seinem Candomblé finden sich auch Elemente der Umbanda.«
Ich beobachtete das Geschehen im Terreiro. Mein Herz schien im Rhythmus der Trommeln zu schlagen. Eine eigenartige Mischung aus Faszination und Ablehnung stieg in mir auf. ...
Eine der älteren Frauen wurde plötzlich von einem heftigen Schütteln erfasst und schien in Ohnmacht zu fallen. Die anderen fingen sie auf und legten sie auf den Sandboden. Sie zuckte und zitterte und stieß irgendwelche Laute und Worte aus. Eine Weile wand sie sich unter den Händen der umstehenden Frauen. Dann sprang sie unvermittelt auf, flink und beweglich wie eine Raubkatze, richtete sich stolz, fast herrisch auf und schaute mit strengem Blick in die Runde. Dann stampfte sie einige Male mit dem Fuß auf den Boden. Die Trommeln und Stimmen verstummten. Triumphierend hob sie das Kinn, räusperte sich, spuckte aus und begann dann mit tiefer, fast bedrohlich klingender Stimme zu sprechen ...
Es war schon tiefe Nacht, als der Pai de Santo die Zeremonie überraschend plötzlich beendete. Die Trommeln und Gesänge waren verstummt, der Candomblé für heute vorüber. Schwitzend und erschöpft, doch offensichtlich erfüllt zogen sich die Filhas de Santo, die Trommler und die Helfer zurück. Auch die Zaungäste gingen nach Hause und verschwanden rasch im Dunkel der Nacht. Der Pai de Santo hatte mich wohl als Fremden erkannt, war auf uns zugekommen und lud uns in sein Haus ein. ...
Der Pai de Santo hieß mit Vornamen Edison und wollte auch so angesprochen werden. Er war ein mittelgroßer dunkelhäutiger Mann um die fünfzig mit markanten Gesichtszügen. Sein Schädel und seine Stirn waren auffallend wohlgeformt und in seinen fast schwarzen Augen lag ein besonderer Glanz, etwas Funkelndes und Faszinierendes, wie ich es noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Seine Brauen wölbten sich kraftvoll und harmonisch über dieses strahlende Augenpaar und schwangen an den Schläfen nochmals hoch, was seinem Gesichtsausdruck etwas Schalkhaftes, aber auch Unheimliches verlieh ...
»Wissen Sie, seu Pedro, hier in Brasilien gibt es viele Babalorixás und Macumbeiros, Kult- und Zeremonienmeister, Heiler und Magier. Solche, die wie ich im Dienste des Guten und der Gerechtigkeit stehen. Es gibt aber auch andere, die Finsternis, Chaos, Betrug, Krieg und Gewalt unter den Menschen säen. Ihre Macht ist groß und sie gieren nach allem, was ihre Macht und ihren Einfluss vergrößert.«
Nach dem, was ich heute Abend im Terreiro gesehen hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich ihm seine Zugehörigkeit zu den Edlen und Guten abnehmen sollte. ...
»Vor einigen Jahren war eine Frau bei mir, die sehr unter dem bösen Zauber von Macumba-Ritualen zu leiden hatte. Sie hatte unerklärliche Schmerzen in allen Gliedern. Obwohl sie selbst Ärztin war, konnte sie weder eine Ursache noch eine Abhilfe für diese Schmerzen finden. Erst Röntgenbilder enthüllten einen erschreckenden Tatbestand ...
Schon als sie das erste Mal zu mir kam, spürte ich den Bann und die schwarzmagische Macht, die sie beherrschten. Ich setzte verschiedene Rituale ein. Als ihre Schmerzen endlich nachließen, schenkte sie mir etwas mehr Vertrauen, und ich konnte auf ihre Mithilfe zählen.
Um den Bann endgültig brechen zu können, musste ich den Kampf mit der Exú-Priesterin aufnehmen und gewinnen. …«
Edison schwieg eine Weile. Dann schaute er mich mit seinen funkelnden Augen an und wiederholte: »Ja, die Anhänger Exús gieren nach allem, was ihre Macht vergrößert. So gibt es auch gewisse Objekte, die magische Kraft besitzen. Und unter diesen gibt es besonders machtvolle, die es ihrem Besitzer ermöglichen, fast uneingeschränkt über Menschen und Geister und sogar über die Naturgesetze zu gebieten. Die meisten dieser Kraftobjekte sind sehr, sehr alt und es gibt nur ganz wenige davon. Ihre Magie scheint mit ihrem Alter zu wachsen – vielleicht weil sie schon von so vielen Händen berührt und Gedanken und Motive ihrer Besitzer – edle und unedle – auf sie übertragen wurden. Es gibt jedenfalls Kraftobjekte, die viel Licht ausstrahlen und das Gute im Menschen fördern, und es gibt solche, die das Dunkle und Böse verbreiten.«
»Sie wollen also behaupten«, wandte ich ein, als hätte ich die Anspielung auf das Pendel überhört, »dass ein lebloser Gegenstand Einfluss auf Menschen oder Geschehnisse nehmen kann?«
»Sie denken also, dass ein Objekt Sie nur beeinflussen kann, wenn Sie daran glauben.« Er schaute mich prüfend an, nahm etwas aus seiner Tasche und sagte: »Hier, nehmen Sie das in die Hand und sagen Sie mir, was Sie spüren!« Er drückte mir einen Gegenstand in die Hand und schloss meine Finger darüber. Mir wurde augenblicklich ganz heiß und schwindlig. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen wie im Rausch. Bilder und Gestalten, unbekannte Gesichter und Fratzen tauchten auf und verschwanden wieder. Ein Summen und Brummen drang an mein Ohr und ließ mein Trommelfell erzittern ... Ich bemerkte, wie mein Oberkörper unwillkürlich zu kreisen begann, in kleinen und dann immer größeren Kreisen ...
»Acaba!«, hörte ich Edison rufen und nahm dumpf wahr, wie er den Gegenstand aus meiner Hand entfernte und in seine Hosentasche steckte. … »Du solltest sehr vorsichtig damit sein! Was du da bei dir trägst, ist sehr machtvoll, und es gibt Wesen, die alles täten, um es zu besitzen! Seine Schwingungen sind so stark, dass sie von weit her angezogen werden, vor allem, wenn es benutzt wird! ...
Manche haben geglaubt, es sei für immer verschollen und verloren, andere haben es in allen Winkeln dieser Erde gesucht«, begann er erneut. »Nun ist es also wieder aufgetaucht, vielleicht, um seiner wahren Bestimmung zugeführt zu werden, wie es einst prophezeit wurde. Es heißt: ›Wenn das neue Erdzeitalter anbricht, wird einer kommen, der das Helle und das Dunkle mit sich bringt. Er wird aus seinem Schatten treten und die Kraft des Feuers enthüllen.‹ Ich weiß nicht, wer damit gemeint ist. Doch das, was du bei dir trägst, hat auf jeden Fall mit der Überlieferung zu tun, von der mein Meister sprach. Er meinte, dass diese Prophezeiung aus jener Epoche stammt, als das dunkle Erdzeitalter begann, das heilige Feuer versiegte und in der Finsternis verschwand.«
Es lag etwas Bedrohliches und Beschwörendes in seinen Worten, etwas, das mir Angst machte.
»Du bist dir der Bedeutung dieses Objekts und der Tragweite deiner künftigen Entscheidungen wahrscheinlich gar nicht bewusst«, sagte er. »Doch du kannst dich dieser Verantwortung nicht entziehen, so sehr du es dir auch wünschen magst. ... Ich kenne einen Zeremonienmeister, der sehr viel über Magie und Alchimie weiß und sehr viel Erfahrung im Umgang mit Göttern und Geistern hat, mit den hellen und den dunklen Mächten dieser und der anderen Welt. Als Alufa steht er wie ein Präsident über allen Babalorixás von Bahia. Wir könnten ihn aufsuchen ...«
Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, und bei Tagesanbruch wollte Edison die Reinigungszeremonie vollziehen. ...
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